CG Jung > 19610130@32TMT6481 <

Lieber Herr Wilson,

Ihr Brief war mir in der Tat sehr willkommen.

Ich bekam keine Nachricht mehr von Roland H. und habe mich oft gefragt, was wohl sein Schicksal gewesen ist. Unsere Unterhaltung, die er Ihnen hinlänglich berichtete, hatte einen Aspekt, den er nicht kannte. Der Grund, dass ich ihm nicht alles sagen konnte, war, dass ich in jenen Tagen außerordentlich vorsichtig sein musste, was ich sagte. Ich kam dahinter, dass ich in jeder möglichen Weise missverstanden wurde. So war ich sehr vorsichtig, als ich mit Roland H. sprach. Woran ich aber wirklich dachte, war das Ergebnis vieler Erfahrungen mit Menschen seiner Art.

Sein Drang noch Alkohol war der Ausdruck auf einer mittleren Stufe des spirituellen Durstes unseres Wesens nach Ganzheit, in der Sprache des Mittelalters: Nach der Einung mit Gott (Fußnote „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach Dir“ !Psalm 42,1?).

Wie konnte man eine solche Erkenntnis in einer Sprache formulieren, die heutzutage nicht missverstanden wird.

Der einzige richtige und legitime Weg zu einer solchen Erfahrung ist, dass sie uns in Wirklichkeit widerfährt, und dies kann sich bei uns nur dann ereignen, wenn wir auf einem Weg gehen, der uns zu einem höheren Verständnis führt. Zu jenem Ziel mögen wir durch einen Akt der Gnade oder durch einen persönlichen im aufrichtigen Kontakt mit Freunden oder durch eine höhere Ausbildung des Geistes über die Grenzen des reinen Rationalismus hinausgeführt werden. Ich erfahre durch Ihren Brief, dass Roland H. den zweiten Weg gewählt hat, der, unter den gegebenen Umständen, offensichtlich, der beste war. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Prinzip des Bösen, das in dieser Welt vorherrscht, das nicht begriffene geistige Bedürfnis ins Verderben führt, wenn nicht wirkliche religiöse Erkenntnis oder der Schutzwall einer menschlichen Gemeinschaft ihm entgegengesetzt wird. Ein gewöhnlicher Mensch, der nicht durch das Eingreifen von Oben geschützt ist und in der Gesellschaft isoliert dasteht, kann der Macht des Bösen kaum widerstehen, die in zutreffender Weise der Teufel (devil) genannt wird. Jedoch der Gebrauch solcher Worte ruft so viele Missverständnisse hervor, dass man sich so viel wie möglich von ihnen fernhalten muß.

Dies sind die Gründe, warum ich Roland H. keine volle und ausreichende Erklärung geben konnte, aber Ihnen gegenüber wage ich es, weil ich aus Ihrem ehrlichen und aufrichtigen Brief schließe, dass Sie sich eine Auffassung erworben haben, die sich über die irreführenden Plattheiten erbebt, die man gewöhnlich über Alkoholismus hört.

Sehen Sie, Alkohol heißt auf lateinisch „spiritus“, und man verwendet das gleiche Wort für die höchste religiöse Erfahrung wie auch für das verderblichste Gift. Die hilfreiche Formel ist daher: SPIRITUS CONTRA SPIRITUM. Indem ich Ihnen nochmals für Ihren freundlichen Brief danke, verbleibe ich

Ihr aufrichtiger

C. G. Jung.

 
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