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26.02.2013

liebe interkomms,

diese begrifflichkeiten in eurer diskussion, 'Klassentheorie' und -bewegung, deren symbolische zuspitzung 'Klassismus' ihr zwar nicht benutzt habt, die mir aber nicht weit zu sein scheint, andererseits 'Arbeiter_innenbewegung', geht mir nicht aus dem kopf. zuerst war mir nach einem schnellen zuruf an den kommunisten, jetzt bitte nicht aus angst vor einer kurzen ohnmacht, nicht dem tod, selbstmord zu begehen. aber die kluft im denken scheint mir von stunde zu stunde des nachdenkens tiefer zu werden.

mit dem Meulenbeltschem symbolischen dreiklang sexismus, rassismus und klassismus vor allem in verbindung mit dem bild von terrains jedenfalls wäre eine fatale ideologische figur vollendet, die nur noch in traurigster vulgärrezeption auf dem unglücklichen titel "Drei zu eins" von Klaus Viehmann aufsetzt, der dort, im essay selbst, doch ganz im gegensatz dazu 'Triple Oppression' als verwobenheit, als komplexere, netzförmige herrschaft beschreibt. dort ist mitnichten von mehreren herrschaften, getrennten items, die rede, sondern von nicht mehr und weniger als davon, dass das - ökonomistische - bild eines wohlgeformten, radialen spinnennetzes mit dem sich selbst verwertenden wert als spinne in der mitte und dem arbeiter als insekt seine gültigkeit verloren hat.

In eurer praxis, bei den roten abenden und auch hier in euren maildiskussionen, bemüht ihr euch immer wieder, widersprüche rund um gender issues zur sprache zu bringen. allgemein in der linken praxis ist das letzte lebendige element, der letzte widerhall des feministischen wirklichen, die schon fast völlig aufs rein quantitative reduzierte frage des diskussionsverhaltens, der podiumsbesetzung, der quotierten redeliste und der an sich sehr aufschlußreichen, also produktiv nutzbaren, tatsache, dass sehr viele gemischte gruppen de facto quasi-männergruppen wider willen sind. äußerlich reparieren läßt sich letzteres übrigens nicht.

aber wie dem auch sei, die tatsache, dass sich sehr viele diesen nerv fortgesetzt antun, belegt praktisch doch, dass wir einander behalten wollen. die Brechtsche dritte, gemeinsame sache besteht noch fort, wird aber nicht mehr benannt. zugespitzt: in der symbolpolitik wird die aufteilung des hofes bereits vorweggenommen. der abgetakelte hofherr, vollkommen konfus, verleugnet das revolutionären subjekt statt seinen formwechsel zu begrüssen, benennt sein ehemals umfassendes projekt gegen jede historische evidenz noch ex post in 'Arbeiter_innenbewegung' um. in einem akt erbärmlichster negativer verklärung, jasagerei, läßt er es sich aber gleichzeitig umdeuten in eine größere 'teilbereichsbewegung' ohne universale ansprüche, 'Klassismus', die selbstverständlich nach art der alten ihre angestammten äcker weiter bestellen kann. sollen doch die frauen, die antispes und die segelohren da hinten ihren kram machen... da gibt es auch nichts mehr zu besprechen.

wenn ich dahin gekommen bin, die segelohrenfrage aufzuwerfen, ist das immer ein gutes signal, zum ende zu kommen. also, das meine ich mit selbstmord aus angst vor der ohnmacht. meine gegenposition ist, zugegebenermaßen als mann meines zaghaften charakters nicht ohne jahrzehntelangen vorlauf zu beziehen, so einfach wie grundstürzend: es geht um momente, aspekte der emanzipation, der emanzipation aller menschen aller varianten, im singular. der feminismus ist der aktualisierte materialismus und mehr, die frauenbefreiung war die revolutionierte arbeiterbewegung. punkt. chapeau.

weitermachen, also solidarisch streiten darum, wie.

Michael

Sie und ich mögen diverse sein: Aber die dritte; gemeinsame Sache; gemeinsam betrieben, wird es sein, die uns eint.

 
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