Pädagogik > 20141203@33uuu912762 <

Eine kleine Untersuchung

Demokratische Früherziehung im Advent

1. Theorie

Konformitätszwang, abgeschwächt auch Konformitätsdruck, Gruppendruck, kann als Katalysator von Meinungs- und Verhaltensentscheidungen, generell Präferenzen, in sozialen Gruppen aufgefasst werden, die mitunter erheblich von individuellen gefassten Entschlüssen abweichen können, insbesondere, wenn diese auf unsicherer Grundlage gefasst oder in der sozialen Gruppe minoritär oder intellektuell nicht vermittelbar sind. Vulgo Krähenschwarmprinzip.

2. Empirie

Vor Weihnachten wird den Eltern ein Krippenspiel dargebracht. Die Vorbereitung darauf dominiert im Kinderladen mit Montessori-Ansatz? die Adventszeit. Die Erzieherinnen haben eine zweite Probe angesetzt und die Kinder sind auf dem Boden bereits andeutungsweise zu einem Kreis versammelt, aber noch recht mit sich und miteinander beschäftigt. Oder noch nicht ganz da. Die leitende Erzieherin (A.) setzt sich hinzu und fragt: "Wollt ihr denn diesmal mit Kostümen oder ohne Kostüme proben?". Mein Eindruck war, das es um diese Frage bereits Unstimmigkeiten gegeben haben muß.

(Der darauf nun einsetzende Meinungsbildungsprozess vollzieht sich binnen weniger Sekunden, und kann daher nur in groben Zügen skizziert werden, ohne ungebührlich ins Fabulierende abzudriften.)

Sofort protestieren Jungen "Nein, ohne Kostüme!", "Ich will nicht!", "Ich auch nicht!", "Nicht schon wieder!". Aus der auch sonst tonangebenden Ecke dreier Mädchen im Vorschulalter erschillt dagegen ein deutlicher Ruf "Mit Kostümen, mit Kostümen!", von Anfang an mit Betonungen auf "Ko" und "..en".

Die Mädchen formieren blitzschnell einen rythmischen Sprechchor mit ihrer Präferenz, aber die Jungen halten klar und ebenfalls vernehmlich dagegen. Es folgt ein kurzer und ungleicher Kampf zweier Linien. Fast aller Kinder der Gruppe fallen nach mehr oder weniger kurzer Irritation (Bedenkzeit?) in einen der beiden Sprechchöre mit ein. Es entsteht nun allerdings keine reine Mädchen/Jungs-Frontstellung. Noch bevor allerdings die zwei Nesthäkchen sich auf die, für sie auch sicher sehr beeindruckende, leicht aufgeputschte Gruppensituation einstellen und ebenfalls entscheiden können, kristallisiert sich eine deutliche 2/3-Mehrheit für die jetzt enthusiastisch skandierte, viersilbige Pro-Position heraus. Die Reihen der mit einem 5-silbigen Negativslogan kämpfenden Minderheitsfraktion geraten dagegen erst in Unordnung und gehen dann schon fast mit fliegenden Fahnen im kräftigen Mehrheitschor unter, als A. das Meinungsbildungsverfahren mit der Bemerkung beendet, dass der Bart für den Weihnachtsmann ja ohnehin noch nicht ganz fertig sei.

Alle Kinder sind nun hellewach, bei der Sache, auf die kommende Stunde eingestimmt. Alle haben ja lautstark dem Vorhaben der Leitung zugestimmt und übernehmen entsprechend willig die anstehenden Aufgaben beim Aufbau der Bühne und der Verteilung der Requisiten. Die Probe wird überwiegend in Alltagskleidung durchgeführt, wodurch die prächtigen Flügelchen einiger Engel um so wirkungsvoller zum Tragen kommen.

Bei einer Nachbesprechung ca. 14 Tage später konnte sich die A., darauf angesprochen, nicht mehr an die Sequenz erinnern.

3. Interpretation

Die Leitung stellt bezogen auf einen bestehenden Dissenz in der Gruppe eine einfache Pro/Contra-Entscheidung zur Debatte, bei der dissidente Optionen (etwa: "Ich möchte jetzt aber mit meinem gerade angefangenen Bügelperlenherzchen fortfahren!") gleich mal ausgeschlossen sind. Demokratie-theoretisch erinnert das deutlich an Zwei-Parteien-Systeme, wie sie insbesondere im angelsächsischen Raum verbreitet sind.

Die zeitgemäße, transparente Form der Meinungsbildung in der Gruppe begünstigt eine sehr zügige, klare und allen, vor allem den unterlegenen Beteiligten, auch einsichtige Entscheidungsfindung.

Zur Frage, ob Kinder unter dreieinhalb Jahren in gleicher Weise wie die Älteren für derartige Prozesse sozialer Integration empfänglich sind, kann leider auf Grund zu kleiner Fallzahl (2) und kurzer Beobachtungszeit (< 1 Min.) keine tragfähige Aussage getroffen werden.

4. Konklusion

In Demokratie-pädagogischer Hinsicht ist festzustellen, dass auf denkbare einfache Weise bereits mit Vorschulkindern Formen demokratischer Herrschaft ein- und ausgeübt werden können, wobei besonders die elegante a-priori-Ausblendung nicht systemkonformer Optionen ins Auge sticht.

Per kontroverser Akklamation herbeigeführte, zweiwertige Gruppenentscheidungen erscheinen als überaus probate Methode, Konzentration und mentale Zustimmung zur aufmerksamen Bearbeitung des vom Förderlehrer angebotenen Unterrichtsgegenstands herbeizuführen. Die nicht zu unterschätzende stimmlich-symphonische Komponente des Verfahrens dürfte allerdings bei Kleingruppen, wie sie bisher den FörderlehrerInnen versprochen werden, nicht so stark ins Gewicht fallen und dadurch die beeindruckende Wirksamkeit der Vorgehensweise eventuell schwächen.

Abschließend sei die Hypothese formuliert, dass erfahrene Pädagoginnen Konformitätseffekte entweder gezielt nutzen, um die Gruppe zu sammeln oder ihren Einsatz zwecks Arbeitserleichterung gar derart verinnerlicht haben, dass ihnen die aus demokratie-politischer Sicht ja durchaus kritisch diskutierbaren Implikationen derartiger Vorgehensweisen (-> Wahlgeheimnis!) aus dem Augenwinkel geraten.

5. Humor

Der Konjunktiv in der Fragestellung (".. gerne .. unterstützt hätten") ist zu voraussetzungsvoll: Ich erprobte die Methode einige Tage später tatsächlich mehrfach, als ich die Gruppe auf dem Spielplatz, auf der großen Schleuder-Drehscheibe bereit sitzend, fragte ob ich sie denn nun im Uhrzeigersinn oder gegen diesen in Gang setzen solle. Der Entscheidungsprozess verlief nicht immer so zügig und verschaffte mir auf diese Weise kurze Atempausen. Dissidente Optionen ("Jetzt kann euch aber auch mal jemand von euch anschubsen") unterband die Gruppe. Mit allen Mitteln. Sofort und unisono.

6. verwendete Quellen

  1. Lemma Konformität in: Kriminologie-Lexikon ONLINE, Lehrstuhls für Kriminologie und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (Professor Dr. Thomas Feltes) und Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen (Professor Dr. Hans-Jürgen Kerner).
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenzwang , abgerufen 23.12.2014
 
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