MM > Stolz und Vorurteil <

Exzerpt:

Stolz und Vorurteil

Auch wirkt der Diskurs um die Selbstpositionierung auf Menschen, die den hochgradig voraussetzungsvollen Jargon nicht beherrschen (und in Folge dessen besten falls mit Nichtachtung gestraft, schlimmer noch, kollektiv sanktioniert werden) in hohem Maße einschüchternd.

Mit einer Markierungspolitik, die auf explizite Weise identitäre Kategorisierungen einfordert, erlangt zudem eine Praxis der Selbstbezichtigung Konjunktur, deren Nähe zu den religiösen Praktiken des Bekenntnisses und der Beichte unübersehbar ist. Während die Beichte aber in ihrer katholischen Form im Zwiegespräch mit dem Gottesvertreter heimlich geschieht, hat das öffentliche Bekenntnis vor der Gemeinde der Gläubigen sein religiöses Vorbild in der russisch-orthodoxen Kirche. Als solches ging es vor allem in den 1930er Jahren in die politische Praxis der Reinigung in der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale ein. Das Entscheidende ist: Auch die sozialistische Selbstkritik wurde in emanzipatorischer Absicht vollzogen. Sie gründete im Wissen darum, dass auch die Linken nicht als Linke zur Welt kommen, dass auch Revolutionärinnen mit den Fehlern der Gesellschaft behaftet sind, die sie bekämpfen. Die Selbstkritik steht in der Tradition der Auf klärung. Und auch ihre Kollektivierung ist konsequent in der Ablehnung jeder äußerlichen, metaphysischen Autorität (Gott, Gesetz, Gewissen).

Die Effekte kritischer Selbstpositionierung oder markierender Selbstkritik sind jedoch oftmals nicht die erwünschten, zumindest sind sie nicht hauptsächlich emanzipatorisch. Öffentliches Selbstschämen und Beschämen von anderen in Seminaren oder auf Plena, umfangreiche schriftliche und mündliche Äußerungen zu den eigenen Privilegien funktionieren zumindest praktisch eher als Moralismus denn als politischer Kampf. Sind sie nicht als Wunsch nach der alles bedenkenden Position zu verstehen (der somit entgegen dem eigenen Anspruch einem Totalitätsdenken verhaftet ist), nach einem Sprechort, an dem die Sprechenden sich von aller Schuld an der Teilhabe an gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen reingewaschen haben, letztlich nach Erlösung?

Diese Position gibt es nicht. Sie ist ein christliches Phantasma der Reinheit. Die gegenwärtige Debatte kann hingegen nicht religiös-moralisierend, sondern nur politisch ausgetragen werden. Allerdings ergibt sich auch hier ein Dilemma. Eine Politik, die zugunsten der Auseinandersetzung auf institutionalisierte Moralcodes und Verhaltenstickets verzichtet, hat anstrengende Auswirkungen.

outside the box - Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik - http://outside.blogsport.de/

Artikel im Volltext: http://outside.blogsport.de/images/otb2_stolzundvorurteil.PDF

 
Suche
edit / Home